Seit John F. Kennedy haben alle demokratischen Präsidenten einen sogenannten “Inaugural Poem“ das Gedicht zur Amtseinführung. Nach Robert Frost, Maya Angelou und Miller Williams war es diesmal die Yale Professorin Elisabeth Alexander die für Barack Obama das Gedicht zur Amteinführung schrieb. Hier folgt die sinngemäße deutsche Übersetzung und das englische Original.
Lobgesang auf den Tag
Tagtäglich gehen wir unseren Geschäften nach, schreiten achtlos aneinander vorbei, schauen uns in die Augen oder auch nicht, setzen zum sprechen an. Um uns herum ist Lärm. Um uns herum ist Lärm und Dickicht. Dorn und Getöse, wir tragen jeden unserer Vorfahren auf unseren Zungen. Irgendjemand stickt an einem Kragen, bohrt ein Loch in eine Uniform, bessert einen Reifen aus, repariert die Dinge, die repariert werden müssen. Irgendjemand versucht Musik zu machen, irgendwo, mit einem Paar hölzerner Löffel auf einem Ölfass, mit einem Cello, einem Ghettoblaster, einem Akkordeon, mit der Stimme. Eine Frau und ihr Sohn warten auf den Bus. Ein Landwirt beäugt den Himmel; ein Lehrer sagt: “Nehmt eure Stifte raus. Fangt an.” Wir treffen einander in den Worten, Worte stachelig oder sanft, geflüstert oder deklamiert; Worte zum überlegen. Wir kreuzen Feldwege und Autobahnen, die jemandens Willen markieren, und andere, die sagen: “Ich muss unbedingt sehen, was auf der anderen Seite ist; ich weiß, dass es etwas besseres gibt, ein Stückchen weiter.” Wir müssen einen Platz finden, wo wir sicher sind; Wir schreiten in das hinein, was wir noch nicht sehen können. Sag es frei heraus, das viele für diesen Tag ihr Leben ließen. Sing uns die Namen der Toten, die uns hierher führten, die die Schienen legten, die Brücken anhoben, die Baumwolle und Salat ernteten, die Stein für Stein die Glitzerpaläste bauten, die sie später putzten und in denen sie arbeiteten. Ein Loblied auf den Kampf; ein Loblied auf den Tag. Ein Loblied auf jedes handgemalte Plakat; sie malen das am Küchentisch. Manch einer lebt nach dem Motto: “Liebe deinen nächsten wie dich selbst.” Oder: Füge kein Leid zu, oder nimm nicht mehr, als du brauchst. Was wäre, wenn das mächtigste Wort Liebe wäre, Liebe jenseits von Mann und Frau, Mutter und Kind, Nation. Liebe, die einen immer größer werdenden See des Lichts erschafft. Liebe, die nicht den Keim für das Leid in sich trägt. Im scharfen Funken des Heute, in dieser Winterluft kann alles erreicht werden. An der Schwelle – ein Loblied auf den Marsch nach vorn in dieses Licht hinein.
[Quelle: WAZ vom 21.01.09]
Praise song for the day
Each day we go about our business, walking past each other, caching each others’ eyes or not, about to speak or speaking. All about us is noise. All about us is noise and brambel, thorn and din, each one of our ancenstors on our tongues. Someone is stitching up a hem, darning a hole in a uniform, patching a tire, repairing the things in nead of repair. Someone is trying to make music somewhere with a pair of wooden spoons on an oil drum, with cello, boom box, harmonica, voice. A woman and her son wait for the bus. A farmer considers the changing sky; a teacher says, “take out your pencils. Begin.” We encounter each other in words, words spiny or smooth, wispered or declaimed; words to consider, reconsider We cross dirt roads and highways that mark the will of someone and then others who said, “I need to see what’s on the other side; I know there’s something better down the road.” We need to find a place where we are safe; we walk into that which we cannot yet see. Say it plain, that many have died for this day. Sing the names of the dead who brought us here, who laid the train tracks, raides the bridges, picked the cotton and the lettuce, built brick by brick the glittering edifices they would then keep clean and work inside of. Praise song for struggle; praise song for the day. Praise song for every hand lettered sign; they figuring it out at kitchen tables. Some live by “love thy neighbor as thy self.” Others by first do no harm, or take no more than you need. What if the mightiest word is love, love beyond marital, filial, national. Love that casts a widening pool of light. Love with no need to preempt grievance. In todays sharp sparkle, this winter air, anything can be made, any sentence begun. On the brink, on the brim, on the cusp – praise song for walking forward in that light.